Skladanowsky Radierung

Centralhotel Friedrichstraße 143

Der erste Streifzug - die erste Filmvorführung der Welt

DIE SKLADANOWSKYS: Carl Skladanowsky führte seit 1879 mit seinen Söhnen Max und Emil in Varietés "Nebelbilder" vor. Nebelbilder, das waren Projektionen in mehreren Schichten, die bei den Zuschauern die Illusion erzeugen sollten, sensationelle Ereignisse, wie Stürme auf hoher See, Erdbeben, Gewitter, Brände und andere Katastrophen selbst, aktuell mitzuerleben Die Skladanowskys waren Illusions- und für damalige Verhältnisse Multimediakünstler.

Am 1.November 1895 zeigte Max Skladanowsky mit dem von ihm erfundenen Bioscop, einem unhandlichen Kasten zum Vorführen von 'Lebenden Photographien', als fünfzehnminütige Schlußnummer des Varietéprogramms im Wintergarten des Berliner Central Hotels am Bahnhof Friedrichstraße, seine ersten Filmstückchen vor zahlendem Publikum. Dieses Ereignis ging als Beginn der Kinogeschichte in die Analen ein.

Die ersten, wenige Meter beziehungsweise Minuten langen Filmstückchen zeigten Szenen aus Skladanowskys Umfeld, Varietékünstler mit ihren Darbietungen nun auf der Leinwand. Zu sehen waren da unter anderem die Kinder Ploetz-Larella in einem italienischen Bauerntanz, der Jongleur Paul Petras, die Milton Brothers in einer komischen Nummer am Reck und die sich vor dem Publikum verbeugenden Brüder Skladanowsky. Gedreht wurden diese Szenen bereits im Mai 1895 im Garten der Berliner Straße 27 in Pankow. Während wir heute an dieser Adresse eine verlassene Baustelle finden, unterhielt in den 1890er Jahren hier ein Gastwirt namens Sellos das Gartenlokal 'Feldschlösschen', Skladanowskys erstes Experimentierfeld.

Auch alle anderen Szenen aus dem ersten Programm wurden im Mai 1895 aufgenommen. 'Das boxende Känguruh - Mister Delaware' drehte Skladanowsky vor dem Zirkus Busch, der damals ein festes Haus am Bahnhof Börse (heute Hackescher Markt) besaß. 'Die Gymnastikerfamilie Grunato' und den 'Ringkampf zwischen Grainer und Sandow' filmte Skladanowsky im Garten des Stadttheaters Alt-Moabit 47/48, dem späteren Filmpalast Hansa (seit 1963 Hansa-Theater) und den russischen Nationaltanz 'Kamarinskaja' der drei Tscherpanoffs im Garten des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in der Chausseestraße 25/26, dem späteren Metro-Palast.

Der Bezirk Pankow hat auf dem Bürgersteig - wo einst Sellos Feldschlösschen und dann jahrzehntelang das Tivoli-Kino standen, bis eine Bauspekulation hier die Berliner Kinogeschichte abreißen ließ - ein kleines Mosaik, die Inschrift "1895 Bioscop 1995" legen lassen. Dies ist außer der (1951) nach ihm benannten Skladanowsky-Straße die zweite Pankower Hommage an den Filmpionier.

Nur wenige Straßenbahnhaltestellen von hier entfernt, auf dem städtischen Friedhof Buchholzer Straße in Pankow- Niederschönhausen kann man die schon etwas verwitterte Goldinschrift eines Grabsteins lesen:

Der Wegbereiter des Films in Deutschland

Max Skladanowsky

+30.4.1863 Berlin +30.11.1939 Berlin

Erfinder des Bioscop

Welturaufführung 1. Nov 1895

im Wintergarten in Berlin

(Mit der Straßenbahn und dem 155er Bus weiter zum S-Bahnhof Schönholz und weiter zu den frühen Filmstudios in der Friedrichstraße - oder mit dem 155er Bus in die Gegenrichtung zu den Studios in Berlin-Weißensee, wo in der Franz-Josef-Straße (heute Max Liebermann Straße) gleich zwei Ateliers nebeneinander lagen, das von Joe May und jenes, in dem 1919 der wahrscheinlich berühmteste deutsche Film gedreht wurde: 'Das Cabinet des Dr. Caligar in den Hauptrollen besetzt mit Lil Dagover, Conrad Veidt und Werner Krauß).

Das ist was bleibt - denn schon acht Wochen nach Skladanowskys Welturaufführung, führten in Paris die Brüder Louis und Auguste Lumière ihren eleganteren, technisch besseren Cinèmatographe vor. Im Gegensatz zu Skladanowskys Bioscop war der Cinèmatographe nicht das Produkt eifriger Bastler: hinter den Lumières stand die phototechnische Fabrik ihres Vaters Antoine Lumière in Lyon und deren Ingenieur Jules Carpentier. Die Lumières erfanden ihren Cinèmatographe eigentlich nicht um Kino zu machen, nicht um ein Massenpublikum zu unterhalten. Sie suchten die Abnehmer für ihre Kameras und Projektoren unter den Wissenschaftlern. Ihre Filme zeigten Alltagsszenen wie 'Babys Frühstück' oder 'Die Ankunft des Zuges im Bahnhof Charenton', damit wollten die Lumières die Leistungsfähigkeit ihrer Geräte demonstrieren und für ihre Fabrik werben. Doch schnell erkannten sie die Möglichkeiten des Marktes und gaben das "wissenschaftliche Gerät" der Massenunterhaltung preis. Die Lumières hatten Beziehungen zu Unternehmern und Kaufleuten, zu Lehrern und zum photographischen Handel, wodurch sie schnell den Vertrieb ihres Apparates organisierten.

Ästhetisch erfuhr der Film schon in seiner Frühzeit eine Zweiteilung in einerseits die realistische, dokumentarische Wiedergabe des Alltäglichen, wenn möglich Sensationellen und anderseits in der Darstellung des Unglaublichen, in der Erzeugung von Illusionen.George Méliès (1861-1938) spezialisierte sich auf die Möglichkeiten des Filmtricks, war beispielsweise in einem seiner frühen Filmstreifen als Jongleur seines mehrfach auf der Leinwand erscheinenden Kopfes zu sehen. Schon in den 1890er brachte er handkolorierte oder in bestimmten Szenen vitragierte Filmchen zu Vorführung. Méliès brachte Sujets wie 'Das Teufelsschloß' (1896) oder das 120m (knapp fünf Minuten) lange 'Aschenbrödel' (1899).

Doch ebenso wie Max Skladanowsky, der mittlerweile Filmstreifen wie die 40 Sekunden lange 'Ausfahrt der Berliner Feuerwehren' (heute noch erhaltenen) oder 'Die Einfahrt des Zuges in Schönholz' drehte, konnte sich Méliès nicht gegen die entstehenden, großen Filmfirmen, wie Pathé Frères hinter der ab 1898 das französische Großkapital stand, behaupten.

Zur 'Einfahrt des Zuges' soll hier auf die noch ungewohnte Filmbetrachtung des damaligen Publikums hingewiesen sein. Aus dem Film der Brüder Lumière sollen Zuschauer hinausgerannt sein, da sie glaubten, vom Zug überrollt zu werden. Jedenfalls hinterließ er einen so gewichtigen Eindruck, daß die Skladanowskys ein Remake davon, des Sonnenlichts halber, auf dem nicht überdachten S-Bahnhof Schönholz drehten.

(Nach Ankunft in der Friedrichstraße kann der Platz besichtigt werden an dem einst der Wintergarten stand. Dann geht es zu Fuß die Friedrichstraße hinauf in Richtung Kreuzberg).


















 


kl. Bioscop Straßenpflaster

Skladanowsky Straßenschild



















 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Conrad Veidt 1927
















George Meliès in seinem Film 'Der Gummikopf'

 

 

 

 

 

 

 

 





 

 

 

 

Einfahrender Zug Schönholz

 

 

 

 

 

 

 

Zur aktuellen Berliner Kinosituation siehe:

 

Titelseite

 

Streifzug 2

 

Streifzug 3

 

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