G.W.Pabst 1930 Georg Wilhelm Pabst

"geboren am 27. August 1885 in Raudnitz / Böhmen, besucht in Wien die Volks- und Realschule. Ab 1906, nach Abbruch eines Ingenieurstudiums, spielt er an Theatern in St. Gallen, Zürich, Salzburg, Prag, Berlin und Danzig. Er unternimmt Reisen durch Europa und die USA. 1910 führt Pabst Regie am Deutschen Volkstheater in New York. ... , 1920 übernimmt er die Leitung der experimentellen Neuen Wiener Bühne. In Berlin lernt Pabst 1921 den Filmproduzenten und Regisseur Carl Froelich kennen. Für ihn steht der Schauspieler Pabst 1921 zum ersten Mal vor der Kamera; er schreibt Drehbücher und assistiert Froelich bei der Regie. Froelich produziert 1922 / 23 Pabsts Debutfilm 'Der Schatz'. 'Die freudlose Gasse' [mit Asta Nielsen] 1925 begründet Pabsts späteren Ruf, wichtigster Regisseur der "Neuen Sachlichkeit" zu sein. Vom sowjetischen Film beeinflußte Großaufnahmen ungeschminkter Gesichter sowie lange, den Schauspielern Raum gewährende Kamerafahrten charakterisieren eine Bilddramaturgie, der Louise Brooks unpathetisch-natürliche Darstellungsweise in 'Die Büchse der Pandora' und 'Tagebuch einer Verlorenen' [mit Fritz Rasp] auf beeindruckende Art entspricht ...Schwere Krankheit erlaubt es ihm seit 1957 nicht mehr zu arbeiten. G.W. Pabst, stirbt am 29. Mai 1967 in Wien," heißt es im Verleihkatalog Nr.1 des Deutschen Instituts für Filmkunde und der Stiftung Deutsche Kinemathek, Frankfurt a.M./ Wiesbaden/ Berlin 1986.
Ich selbst publizierte in der taz-Berliner Ausgabe vom 29.8.1985 unter dem Titel :
"Opportunist oder Genie - Obwohl die deutsche Filmgeschichts-schreibung G.W.Pabst zu den vier führenden Filmregisseuren der 20er und frühen 30er Jahre zählt, ist ihm bisher nicht annähernd soviel Aufmerksam-keit geschenkt worden wie Lubitsch, Lang und Murnau.
Die Ursache dafür [abgesehen vom fehlenden Sprung nach Hollywood] scheint in der zeitgenössischen Fehleinschätzung des Films 'Die freudlose Gasse'
1925 begründet zu sein. Die realistisch arrangierten Szenen dieses Films bedeuteten ein Novum für den expressionistisch geprägten deutschen Film und ließen Pabst in die Reihe der bedeutenden Stummfilm-regisseure vorstoßen. Das Gesellschaftsportrait der Inflationszeit zeigt den ökonomischen Verfall des Mittelstandes und den damit verbundenen Niedergang moralischer Werte. Vergnügungssüchtige, skrupellose Schieber kontrastieren mit zusehens verarmenden Bürgern. Aus der dem Bildmaterial inhärenten Beziehung zwischen individuellem Leid und sozialer Ungerechtigkeit mutmaßten die zeitgenössischen Intellektuellen, daß G.W.Pabst sozialistischer Gesinnung sei.
Ungeachtet der bisherigen Arbeit G.W.Pabsts, als Wiener Theaterregis-seur und ab 1921 in Berlin als Drehbuchautor von Literaturverfilmungen wie 'Der Taugenichts'
und 'Luise Millerin' [mit Lil Dagover] 1922, wurden seine Filme ab 1925 unter der Prämisse betrachtet, sie seien politisch engagiert. Die Gründung des Volksverbandes für Filmkunst 1928 durch Pabst, Piscator und Heinrich Mann sowie der spätere Vorsitz Pabsts in der Dacho taten ein übriges zu Pabsts linkem Image.
Doch bereits aus seinen Drehbüchern und seinem Filmdebüt: 'Der Schatz'
1923 wird deutlich: In Pabsts Filmen geht es nicht um Sozialkritik, sondern um die Zeiterscheinung skrupelloser Umgangsformen, um Machtverhältnis-se in zwischenmenschlichen Bereichen. So ist auch der eigentliche Held der 'freudlosen Gasse' ein Schurke. Der Metzger, der offiziell kein Fleisch zu verkaufen hat, aber beliebig viel an junge Frauen liefert, die bereit sind, sich dafür zu prostituieren.
Eingerichtet ist die realistische Szenerie in Pabsts Filmen 'Der Schatz', 'Die freudlose Gasse', '
Die Liebe der Jeanne Ney' [mit Brigitte Helm und Fritz Rasp] 1927, 'Tagebuch einer Verlorenen' [mit Louise Brooks und Fritz Rasp] 1929 und 'Die Dreigroschenoper' [mit Fritz Rasp] 1931 auf die Obsessionen der Schurken und die Macht der Vamps in 'Abwege' 1928, 'Die Büchse der Pandora' [mit Louise Brooks] 1928 und 'Die Herrin von Atlantis' [mit Brigitte Helm] 1932. Ebenso die dynamisierende Schnittechnik und die Kamerafahrten, die Pabsts hohes künstlerisches Niveau ausmach-ten. Jedoch sind neben den Obsessionen ironisch gebrochene Melo-dramen ein prägender Bestandteil seiner Filme. Mit diesen melodrama-tischen Handlungslinien durchkreuzt er ständig die möglichen politischen Aussagen seiner Filme, die er meist zum happy-end führt. So wurde aus dem im Roman Ilja Ehrenburgs ermordeten Revolutionär Andreas und dessen durch den Mord zur Revolutionärin geläuterten Freundin Jeanne Ney im Film ein Brautpaar.
Hier wie bei der Verfilmung der 'Dreigroschenoper' kam es zu Prozessen, in denen Pabst die Verantwortung für veränderte politische Aussagen von sich abschob ..."
Und ebensowenig ins links engagierte Image paßt 'Die weiße Hölle vom Piz Palü' 1929 mit Leni Riefenstahl, ein Film bei dem Pabst zusammen mit Arnold Fanck Regie führte.

 

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